Die charakteristischen Merkmale
des Ragnarhofs ergeben sich durch das Brunnenmarktviertel, das mit seinem Marktgebiet
ein buntes Straßenleben hervorruft. Zusätzlich sorgen KünstlerInnenateliers,
Galerien, Werkstätten, Projekträume und Geschäfts- sowie Gastronomiebetriebe
für Vielfalt im Viertel. Das KünstlerInnenviertel etablierte sich
unter anderen durch die für Wien vergleichsweise niedrigen Mietpreise.
Die in den letzten Jahren steigenden Mietpreise, auch bedingt durch die Revitalisierung
des Brunnenmarktviertels, bedrohen jedoch zunehmend die Struktur des künstlerischen
Umfelds.
Die Besonderheit des Ragnarhofs selbst liegt in seinem Charme und Flair, auch
geschaffen durch die Grünoase des Innenhofs, der vorrangig in den warmen
Jahreszeiten für anregende Gemütsstimmungen sorgt. Durch seine Offenheit
wird er als liberaler Platz sehr geschätzt. Die BetreiberInnen und KünstlerInnen
versuchen die BesucherInnen des Ragnarhofs in einen toleranten, lockeren, freien
und beweglichen Umgang einzubinden. Eine Grünoase in Gürtelnähe,
die alles andere als steril ist, sondern die Spuren seiner BewohnerInnen und
BesucherInnen zeigt. Ob in Form von KünstlerInnengesprächen, Gedichten
oder Graffiti-Kunst an den Wänden, die Diversität des Ragnarhofs lässt
so manche BesucherIn erfinderisch werden.
Ottakring
Der Bezirk Ottakring liegt im Westen Wiens, eingebettet zwischen dem Lerchenfelder Gürtel und den Hügeln des Wienerwalds. Im Norden grenzt Ottakring an Hernals, im Osten an die Josefstadt bzw. Neubau und im Süden an Rudolfsheim-Fünfhaus und Penzing. Die Bebauung des Bezirks weist große Unterschiede auf. So befindet sich in Gürtelnähe ein dicht bebautes ArbeiterInnen- und Angestellten-Wohnviertel, während sich um die Vorortelinie Industriebetriebe und Werkstätten angesiedelt haben. Ottakring hat eine Fläche von 8,67 km² und 93.722 EinwohnerInnen. Der Anteil der ausländischen BezirkseinwohnerInnen lag 2005 bei 25,5 % (Wien: 18,7 %). Den höchsten Anteil der AusländerInnen stellten StaatsbürgerInnen aus Serbien und Montenegro (8 %), gefolgt von türkischen (4,4 %) , polnischen (2,0 %), kroatischen (1,9 %), bosnischen (1,8 %) und deutschen (1,0 %) StaatsbürgerInnen. Der Bezirksvorsteher ist Franz Prokop (SPÖ), die Bezirksvertretung besteht aus 58 Bezirksräten, davon stellen 31 die SPÖ, 9 die ÖVP, 9 die FPÖ und 9 die Grünen.
In die Verschiedenartigkeit der im Viertel lebenden BewohnerInnen integriert sich der Ragnarhof mit einem interkulturellen Programm, von Personen aus unterschiedlichen Kulturen organisiert. Durch Kontakt zu Geschäftstreibenden, Schulen der Umgebung, Jugendeinrichtungen und KünstlerInnen soll ein lebendiger Austausch mit den BewohnerInnen des Viertels erreicht werden.
Brunnenviertel
Charakteristisch für das Viertel ist die dichte, gründerzeitliche
Blockrandbebauung und die späteren Nachverdichtungen in den Hofbereichen
mit wenigen Freiraumanteilen, sowohl im privaten wie auch im öffentlichen
Bereich. Das Gebiet ist ein traditioneller ArbeiterInnenbezirk; die Mehrzahl
der Gebäude wurde für die Arbeitskräfte, die im Zuge der Industrialisierung
nach Wien gekommen sind, errichtet. Das Viertel ist von einem hohen AusländerInnenanteil
(41%) geprägt.
Ab 1786 entwickelte sich an der Thaliastraße ein kleiner Markt, der sich
später bis in die Brunnengasse ausdehnte. Der Bereich Brunnenmarkt, in
diesem hochgründerzeitlichen Gebiet Ottakrings, ist durch seine verschiedensten
Bevölkerungsgruppen geprägt. Im Zuge der Revitalisierungsmaßnahmen
des Brunnenviertels wurde in einem Aufwertungsprozess nach einer gemeinsamen
Lösung gesucht, Ergebnisse betreffen leider öfter Neubaumaßnahmen
als Sanierungsmaßnahmen. Der Brunnenmarkt soll durch die Verbesserung
der Infrastruktur bei gleichzeitigem Beibehalten des typischen Flairs aufgewertet
und erhalten werden. Wenn er jedoch einer einheitlichen Neugestaltung unterzogen
werden soll, stellt sich die Frage, wie unter diesen Bedingungen zeitgleich
eine Erhaltung des typischen Flairs erreicht werden kann?
Ein wichtiges Ziel des Ragnarhofs ist die Vernetzung mit den KünsterInnen
im Viertel, aber auch mit den BewohnerInnen und Geschäftstreibenden am
Brunnenmarkt. Der Yppenplatz hat sich in den letzten Jahren zu einer richtigen
Piazza entwickelt, in deren vielen Bars und Restaurants stets reges Treiben
herrscht. Dieser Umstand ist einerseits von Vorteil für den Ragnarhof,
andererseits birgt die zunehmende Frequentierung durch die sogenannten "Bobos"
die Gefahr, dass es durch möglicherweise steigende Mietpreise zu einer
Verdünnung der Niederlassungsbereitschaft durch KünstlerInnen kommt.
Grundsteingasse
In der Grundsteingasse gibt es neben dem Ragnarhof eine ganze Reihe weiterer
Kultureinrichtungen, wie insbesondere Ateliers, Projekträume und Galerien.
Ein ständiger Austausch mit diesen Initiativen verstärkte das lokale
Netzwerk des Hofs wesentlich. Ergebnis der Vernetzung dieser unterschiedlichen
Kultureinrichtungen ist etwa die Ausstellungsreihe "Grundstein" ,
die zweimal jährlich stattfindet.
Die Revitalisierungspolitik des Viertels hatte in der Grundsteingasse zur Folge,
dass etwa das ehemalige Textilkaufhaus Osei abgerissen wurde. Es war in den
1930er Jahren das größte Warenhaus in Wien außerhalb des Gürtels.
In den Jahren vor dem Abriss (2005-2007) wurde das Gebäude von einer KünstlerInneninitiative
aus der Grundsteingasse als temporärer Kunstraum genutzt. Es fanden vier
Ausstellungen statt, die letzte unter dem Titel "Sammlung Dichter"
, die als Hommage und Geschenk an die Familie Dichter zu sehen ist, welche das
Warenhaus Osei bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten als Familienbetrieb
geführt hatten.
Renovierungsbedürftige Gebäude werden auf politischer Seite als "Problemhäuser"
definiert. Es mangelt an Sanierungsmaßnahmen, die den Wert von alten Gebäuden
erkennen, der Schwerpunkt wird auf Neubau-Projekte gesetzt. Jegliche Art von
Verfall ist im Wiener Baubild selten, eine Ausnahme bildet das Nachbargebäude
des Ragnarhofs, das im barocken Baustil erbaut wurde und eines der ältesten
Häuser in Ottakring ist. Der einzige Grund, warum es noch nicht abgerissen
wurde ist, dass es unter Denkmalschutz steht. In Wien gibt es Schutzzonen, die
spezielle Bestimmungen und Auflagen für geschützte Kulturgüter,
wie Kunstwerke im öffentlichen Raum (dazu gehören Denkmäler,
Freiplastiken, Brunnen, Gedenktafeln oder wandgebundene Kunstwerke), Architektur
(abhängig von Baualter, Bautyp, etc.) sowie Museen, Sammlungen und Theater
aufweisen. Rund 130 Schutzzonen wurden bis heute festgelegt, die über 10.000
Häuser umfassen. Denkmalschutz und Schutzzonen betreffen jedoch vorrangig
die innere Stadt, können von den EigentümerInnen leicht umgangen werden
und bekommen relativ geringe Strafen für Abrisse und dergleichen.
Wien ist sehr steril und sauber, das Stadtbild, vor allem der Stadtkern, wird
kaum von sanierungsbedürftigen Gebäuden geprägt. Das Wegreißen
alter Gebäude hat in Österreich scheinbar Tradition, und trotzdem
haben gerade solche Gebäude besondere Anziehungskraft auf Menschen. Auch
beim bereits erwähnten Nachbargrundstück des Ragnarhofs, auf dem das
Barockgebäude steht, fällt immer wieder auf, wie stark das Interesse
für dieses kleine verfallene Gebäude ist. Leute fragen danach, KünstlerInnen
wollen dort immer wieder Kunst präsentieren, Videos wurden und werden gedreht,
und ebenso war es auf der Titelseite des Sujets für das diesjährige
"Soho in Ottakring" Programm zu sehen.
Viele
Kunstveranstaltungen, Ausstellungen und Aktionen finden an Orten statt, die
nur vorübergehend genutzt werden können, wie etwa kurzfristig leer
stehende Geschäfte oder Ateliers, welche von den KünstlerInnen auch
als zeitweiliger Arbeitsplatz genutzt und benötigt werden. Um im Brunnenviertel
permanente Plätze der Kunst und Kultur zu schaffen, gibt es einen Bedarf
an Räumen, die dauerhaft bespielt werden können. In den Ausstellungsräumlichkeiten
des Ragnarhofs wurde eine solche Ausstellungs-fläche geschaffen, die Kunstinteressierten
auch während des Jahres die Möglichkeit gibt, ins Viertel zu kommen
und Kunst zu erleben.